Schrift kann mehr als Worte erzählen
Wenn wir schreiben, denken wir meistens an eine Botschaft, was aber, wenn wir Schrift einzig als Textur betrachten?
Normalerweise soll ein Wort gelesen werden. Ein Satz soll verstanden werden. Buchstaben bilden Wörter, Wörter bilden Sätze – und am Ende steht eine Bedeutung.
Aber was passiert, wenn wir diesen Gedanken einmal loslassen?
Was, wenn Schrift nicht mehr gelesen werden muss?
Dann wird aus Schrift ein gestalterisches Material. Buchstaben werden zu Linien, Wörter zu Formen und ganze Textflächen zu einer Textur.
Vielleicht kennst du das: Du schaust auf eine dicht beschriebene Seite und erkennst zunächst gar nicht den einzelnen Inhalt. Was du wahrnimmst, ist ein Rhythmus aus hellen und dunklen Stellen, aus Linien, Zwischenräumen und Verdichtungen.
Genau hier beginnt das spannende Spiel mit Schriftteppichen. Sie können lesbar sein, müssen es aber nicht.
Der Buchstabe als Form in der Textur
Ein einzelner Buchstabe besitzt nicht nur eine Bedeutung. Er hat auch eine Form.
Ein geschwungenes „l“ kann eine elegante Linie sein. Ein „o“ bringt einen geschlossenen Raum mit. Ein „m“ erzeugt Bewegung und Rhythmus. Ein „s“ kann fast wie ein kleiner Pinselstrich wirken.
Wenn wir Buchstaben nicht mehr als Träger von Informationen betrachten, dürfen wir sie ganz anders einsetzen.
Wir können sie:
- wiederholen,
- übereinanderschreiben,
- drehen,
- vergrößern oder verkleinern,
- dicht an dicht setzen,
- bewusst auseinanderziehen,
- mit unterschiedlichen Werkzeugen schreiben,
- über den Rand laufen lassen.
Der einzelne Buchstabe verliert dabei ein Stück seiner ursprünglichen Bedeutung – und gewinnt gleichzeitig eine neue Funktion.
Er wird zum Pinselstrich.
Schriftteppiche – wenn aus vielen Zeichen eine Textur entsteht
Besonders faszinierend finde ich das Arbeiten mit sogenannten Schriftteppichen.
Dabei entsteht eine Fläche aus vielen geschriebenen Zeichen, Wörtern oder scheinbaren Schriftzügen. Von Weitem betrachtet wirkt die Arbeit zunächst wie eine grafische Oberfläche. Erst beim genaueren Hinsehen entdeckt man die einzelnen Elemente.
Das Entscheidende dabei: Der Text muss nicht mehr lesbar sein.
Vielleicht ist er es sogar absichtlich nicht.
Ein Schriftteppich kann aus einem einzigen Buchstaben bestehen, der immer wieder geschrieben wird. Oder aus verschiedenen Zeichen, die sich überlagern. Es können echte Wörter vorkommen, aber auch erfundene Zeichen, Fragmente und Schriftformen, die nur an Sprache erinnern.
Dadurch entsteht eine interessante Zwischenwelt:
Wir erkennen Schrift – aber wir können sie nicht unbedingt lesen.
Und genau das macht neugierig.
Textur – Schreiben ohne Bedeutung
Für Kalligraf*innen kann es zunächst ungewohnt sein, bewusst „sinnlos“ zu schreiben.
Wir haben schließlich gelernt, dass eine schöne Schrift korrekt und lesbar sein soll. Buchstaben sollen auf einer Grundlinie stehen, Abstände sollen stimmen und Wörter sollen eindeutig erkennbar sein.
Beim Arbeiten mit Schrift als Textur gelten plötzlich andere Regeln.
Hier darf ein „A“ zum Beispiel einfach ein Dreieck mit Querstrich sein. Ein „e“ darf so oft übereinandergeschrieben werden, bis nur noch ein dunkler Fleck übrig bleibt.
Und vielleicht entsteht sogar ein Zeichen, das überhaupt keinem bekannten Buchstaben entspricht.
Das ist kein Fehler.
Es ist ein grafisches Zeichen.
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